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WARUM WILDNIS?

“Die zivilisatorische Schicht, die uns von der Wildnis trennt, ist nicht dicker als drei Tage”,

sagt der amerikanische Psychologe und Wildnisforscher Robert Greenway. Wer länger in der Wildnis bleibt, träumt anders, denkt anders, nimmt anders wahr. In fast allen Kulturen, die mit Übergangsritualen und Initiationen arbeiteten, fanden diese außerhalb der gewohnten Umgebung, bevorzugt in der Wildnis statt. “Die archaischen Menschen (hatten) noch die Einsicht, daß man seine Welt verlassen mußte, um sie erkennen zu können, daß man nur ‚zahm‘ werden konnte, wenn man zuvor ‚wild‘ gewesen war oder daß man nur dann in der Lage war, im vollen Sinn des Wortes zu leben, wenn man die Bereitschaft gezeigt hatte, zu sterben”, schreibt der Anthropologe Hans-Peter Duerr in seinem Klassiker‚ Traumzeit‘: “Um also innerhalb der Ordnung leben zu können, mußte man in der Wildnis verweilt haben, man konnte nur wissen, was drinnen bedeutete, wenn man draußen gewesen war.”

Für den Teilnehmer einer Visionssuche kommt es darauf an, die Anbindung an die Zivilisation für vier Tage hinter sich zu lassen. Nur wenn man sich von seiner gewohnten Umgebung trennt, wenn man nicht durch gewohnheitsmäßiges Handeln abgelenkt wird, entsteht der Raum für neue Wahrnehmungen, für eine neue Aufmerksamkeit. Unbekannte Landschaften schaffen Raum für ein neues Sich-Erleben und –Erfahren. Die Unsicherheiten und Ängste in der Konfrontation mit der Wildnis haben die Kraft uns mit unseren inneren Potentialen wieder in Kontakt zu bringen. Kein Dach über dem Kopf zu haben, bedeutet, einen wesentlichen Eckpfeiler dessen, was Zivilisation seit etwa 10.000 Jahren ausmacht hinter sich zu lassen und an die Erfahrungen unserer Vorfahren anzuknüpfen.

Unsere gesamte Kultur beruht auf einer Ausgrenzung der Wildnis und der Verdrängung ‚wilder‘ Anteile in unserer eigenen Natur. Gleichzeitig ist eine wachsende Sehnsucht nach Erfahrungen mit einer ursprünglichen Natur zu beobachten, die in vielen Traditionen als existenzielle Herausforderung, als ‚reine Schöpfung‘ oder ‚heiliger Raum‘ verstanden wurde.

Die Erfahrung, allein in der Wildnis zu sein, eröffnet bei den meisten Teilnehmern an Visionssuchen einen intensiven Bezug zur Natur, neue Wahrnehmungsformen, eine tiefe Kommunikation mit der natürlichen Welt und ein neues Verhältnis zur Natur des eigenen Körpers.